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  "Leitfaden zur Fachwerksanierung für Bauherren und am Fachwerk Interessierte"    
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4. Bestandserfassung - Bauaufnahme - Bauuntersuchung

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Methoden des Bestandsaufmaßes 

„Die Bestandsaufnahme ist die Zusammenfassung aller Verfahren, die zur Bestands- und Zustandserfassung eines Gebäudes beitragen.“ 1 Die maßliche Bestandsaufnahme sowie die zeichnerische Dokumentation des baulichen Zustandes von Gebäuden sollte die Grundlage für die Bauforschung, Sanierungsplanung sowie die statische und planungsvorbereitende Bauzustandsanalyse sein. Bei einem Haus mit einfachem Grundriss und intakter Konstruktion können dafür unter anderem auch in Bauakten vorhandene Pläne verwendet werden, welche oftmals nur als Kantenaufmaß vorliegen. Dabei werden die Grundrisse auf der Basis von Raumlängen, -breiten und –diagonalen erstellt und Wandstärken an den Raumöffnungen gemessen. Eine maßliche Planprüfung vor Ort muss eine Eignung der Zeichnungen sicherstellen. Sind in den Plänen nachträgliche bauliche Veränderungen nicht eingetragen oder ergeben sich bei der Planprüfung größere Abweichungen in den Raummaßen, ist eine Nachbearbeitung nötig. Hier genügt oftmals ein ergänzendes Handaufmaß mittels Gliedermaßstab, Bandmaß oder Laserdistanzmesser (Distometer).

Halbverformungsgetreues Handaufmaß 

Wurden während der Planprüfung bauliche Veränderungen oder maßliche Abweichungen gegenüber den vorhandenen Zeichnungen festgestellt, sind diese für das bauliche Vorhaben unbrauchbar. Ein halbverformungsgetreues Handaufmaß wäre eine mögliche Folge. Mit Hilfe einer Schnur- oder Schlauchwaage wird ein Meterriss durch die Geschossebenen gelegt. In dieser Höhe werden Schnüre diagonal verlaufend und raumübergreifend gespannt. Darauf werden, ähnlich wie bei einem Raster, gleichgroße Abstände von beispielsweise einem Meter fixiert. Sie bilden die Basis für die Abstandsmessung. Von zwei dieser Fixpunkte wird derselbe zu vermessende Punkt maßlich erfasst (z.B. ein Eckpunkt der Fensterleibung) und die Entfernungen in einer Aufmaßskizze eingetragen. Auf diese Weise werden zusätzlich zu den Raumlängen, -breiten und –diagonalen alle Vor- und Rücksprünge, Öffnungen aber auch grobe Wandunebenheiten eingemessen. Mit Hilfe der entstandenen Aufmaßskizze kann dann am Reißbrett oder mit Hilfe eines computergestützten Zeichenprogrammes eine Bestandszeichnung erstellt werden. Für die Darstellung halbverformungsgetreuer Längs- oder Querschnitte sind Lote durch das Gebäude, die ebenfalls eine Metereinteilung haben, ein weiteres wichtiges Hilfsmittel. Dadurch ist es möglich, auch unter Einbeziehung des Meterrisses, den Wand-, Fußboden- und Deckenverlauf halbverformungsgetreu zu erfassen. Auf der Basis dieser Messmethode entstanden unter anderem die Bestandszeichnungen der Goldstraße 25 in Quedlinburg, einem Praxisobjekt der Jugendbauhütte in Quedlinburg.
Für ein historisch vielschichtiges, stark verformtes Gebäude ist ein gesichertes Wissen über Konstruktion und Bauweise zwingend erforderlich. Daher ist ein verformungsgerechtes Aufmaß unabdingbar. Ein solches Aufmaß erbringt eine wirklichkeitsnahe Wiedergabe des Bestandes mit großer Genauigkeit und Informationsdichte in Bezug auf das Objekt. In den Grundrissebenen erzielt man durch ein verformungsgetreues Aufmaß eine winkelgerechte Darstellung, was zur Folge hat, dass durch ein „Übereinanderstapeln“ aller Geschosse jeder Wand-, Kaminund Deckenbalkenverlauf vom Keller bis zum Dach eindeutig erkennbar ist. Im Schloss Friedenstein in Gotha konnte der Bauherr aufgrund dessen ohne unverhoffte Hindernisse und somit kosteneffektiv einen Fahrstuhl planen und einbauen lassen. Eine verformungsgetreue Abbildung der Längs- und Querschnitte gibt zu den vertikalen Wandverläufen auch unterschiedliche Fußbodenniveaus in einem Gebäude preis, welche möglicherweise auf unterschiedliche Bauzeiten schließen.
Nicht nur die Grundrisse und Schnitte, sondern auch die Ansichten müssen realitätsnah zeichnerisch dargestellt werden. An den Fassaden von Fachwerkbauten lassen sich unter anderem die Verwindung der Fachwerkständer oder Durchbiegung des Schwellholzes deutlich ablesen, wie an der Hofansicht des Vorderhauses von Schlossberg 11 in Quedlinburg. (Abb. 4) Des Weiteren gehören zu einer wirklichkeitsnahen Bestandswiedergabe die Darstellung aller Vor- und Rücksprünge im Wandverlauf, wie an der Straßenfassade des Gebäudes Schlossberg 11 gut erkennbar ist (Abb. 5) aber auch eine steingerechte Darstellung an Massivbauten.
Neben der geometrischen Erfassung lassen sich das Baumaterial und die Konstruktion mit ihren Verformungen in der fertigen Zeichnung ablesen. Sie geben außerdem Hinweise auf die Bauweise und die mögliche Raumnutzung. Links des Einganges zum Vorderhaus Schlossberg 11 befindet sich ein Raum mit massiven Wänden, Ziegelsteinbögen und Rußschwärzung an den Wänden 2, was auf eine Nutzung als Schwarze Küche 3 hindeutet. (Abb. 6)
Ausgangspunkt für alle Aufmaße ist ein definiertes dreidimensionales Koordinatensystem, welches bei Bedarf in das Landeskoordinatensystem eingebunden werden kann. Deshalb ist es wirtschaftlich effektiv, die Bestandszeichnungen und –dokumentationen von einem Fachmann erstellen zu lassen.

Detailreiche Bereiche wie Fassaden oder mit Stuck verzierte Decken können mit Hilfe entzerrter Fotos eingearbeitet werden.

Aufmaß mittels elektronischem Tachymeter 

Bei dem verformungsgerechten Aufmaß der Grundrisse mit einem Tachymeter wird ebenso wie bei einem Handaufmaß eine horizontale Schnittebene mittels Rotationslaser festgelegt. Diese Schnittebene wird messtechnisch als Nullebene erfasst und bildet sowohl zum Fußbodenals auch zum Deckenniveau die Bezugshöhe Null. So können Verwerfungen in Fußboden oder Decke bereits in den Grundrissen durch Höhenmessungen abgelesen werden (Abb. 7).
Die Erstellung der Grundrisse und Schnitte erfolgt mittels des elektronischen Tachymeters, einem Vermessungsgerät, mit welchem Winkel und Distanzen gleichzeitig gemessen werden können. Wir unterscheiden zwei Arten des Tachymeters:
das Messgerät mit Reflektor, hier wird an jeden auf der Nullebene zu vermessenden Punkt ein Reflektor / Prisma angehalten. Der zu messende Punkt wird anvisiert, der Reflektor angehalten und die Messung ausgelöst. Bei der zweiten Form des Tachymeters erfolgt die Streckenmessung mit einem sichtbaren Laserstrahl. Hierbei werden die zu messenden Punkte mit dem Laserstrahl angezielt und die Messung ausgelöst. Der Vorteil besteht bei diesem Messgerät darin, dass unzugängliche Punkte problemlos erfasst werden können.
Bei der verformungsgetreuen Vermessung des Gebäudes werden oftmals viele Instrumentenstandorte benötigt. Vor dem eigentlichen Aufmaß steht daher immer die so genannte Stationierung / Standortbestimmung. Das heißt, mit Hilfe gemessener Passpunkte wird ein räumlicher Bezug zu den verschiedenen Standpunkten hergestellt. Dabei sollte die Messung der Passpunkte sehr sorgfältig erfolgen, denn von der Genauigkeit der Passpunktbestimmung hängt letztendlich die Qualität des gesamten Aufmaßes ab. (Abb. 8) Der Tachymeter wird im Raum so positioniert, dass möglichst viele zu vermessende Punkte erfasst werden können. Dabei soll natürlich erreicht werden, dass sich die Messungen von verschiedenen Standpunkten ergänzen und sich die Grundriss- bzw. Schnittebene nach und nach vervollständigt. Um dies zu erreichen, werden Messpunkte in dem Gebäude so angelegt, dass sie von vielen verschiedenen Instrumentenstandpunkten sichtbar sind. Ist der neue Standort bestimmt, kann mit dem Bestandsaufmaß begonnen werden. Durch das „Abtasten“ der Wände, Fußböden und Decken mit dem Laserstrahl in kurzen Abständen können Auswölbungen oder Schräglagen von Wänden sowie Fußboden- bzw. Deckenabwanderungen sehr genau erfasst werden.
Die Messwerte bzw. x-y-z Koordinaten werden auf einem angeschlossenen Laptop sofort in das Zeichenprogramm AutoCAD 4mit der Aufmaßsoftware TachyCAD importiert und mit den üblichen AutoCADBefehlen wie „Linie“, „Polylinie“ usw. zu einer Bestandszeichnung vervollständigt. Eine Nachbearbeitung ist nur noch geringfügig nötig. Dabei ist es unmaßgeblich, ob wir uns in kleinen Fachwerkhäusern, wie dem Schlossberg 11 in Quedlinburg (Abb. 9–10), in Sakralbauten wie der Nikolaikirche in Quedlinburg oder in Schlossanlagen wie dem Großen Schloss in Blankenburg (Abb. 11–12) bewegen. Immer ist das Ziel ein verformungsgetreues Bestandsaufmaß, welches die Basis für den weiteren Bearbeitungsverlauf bildet. Dennoch ist es notwendig, einzelne Details durch Handaufmaß zu ergänzen. Die erstellten Pläne der Genauigkeitsstufe II umfassen sämtliche Informationen in Bezug auf Konstruktion und Struktur der Bauteile, Baufugen und Hinweise auf frühere Bauzustände. 5
Als Beispielobjekt für eine maßliche Bestandsaufnahme sowie zeichnerische Dokumentation des baulichen Zustandes sei hier der Gebäudekomplex Schlossberg 11 in Quedlinburg genannt. Nach Fertigstellung der Pläne bildeten diese die Grundlage für die anschließende Bauforschung im Rahmen eines Seminars. Die Befunde wurden in die Zeichnungen übertragen und ein bezugnehmendes Raumbuch angelegt. Von Vorteil war bei der Befunderhebung das bereits vorhandene Koordinatennetz. Wichtige Details, die bei der Bestandserfassung nicht sichtbar waren, konnten nachträglich ergänzend mit dem Tachymeter eingemessen und in die Grundrisszeichnungen übertragen werden.
Auch bei den archäologischen Untersuchungen in den Kellerräumen wurde das vorhandene Koordinatennetz zum Übertragen in die Bestandszeichnungen genutzt.

Aufschluss über die Verformungen in der Dachkonstruktion und Zerrbalkenlage gaben die Schnitte, insbesondere der Querschnitt durch das Gebäude. Bei früheren Umbaumaßnahmen wurden hier in einigen statisch relevanten Vollgespärren der Spannriegel und das Kopfband entfernt. Es wurde nachträglich ein stehender Stuhl unter das Rähm gestellt, um die Lasten abzufangen, jedoch wurde die Lastenableitung nach unten dabei nicht beachtet. 6 So kam es zu Verwerfungen im Fußbodenbereich. Um eine statische Sicherheit wieder zu gewährleisten, muss eine Ertüchtigung des Dachstuhls erfolgen. Der stehende Stuhl sollte entfernt und die fehlenden Teile in der Konstruktion ergänzt werden. 7
Verformungsgetreue Bestandspläne sind nicht nur Bestandteil der historischen Analyse, sondern bilden eine unerlässliche und sinnvolle Grundlage für die weitere Planung, Ausschreibung und Kostenermittlung.

Sie stellen die Eigenheiten des Gebäudes wirklichkeitsnah dar und sind deshalb unentbehrlich für die bauausführenden Gewerke. 8

Digitale Bildentzerrung und Montage mit metigo 

Technische Voraussetzungen für eine digitale Fotoentzerrung sind eine Digitalkamera oder analoge Kamera und ein Scanner, Bandmaß oder Gliedermaßstab für die Streckenmessung, bzw. ein elektronischer Tachymeter für die Koordinatenmessung sowie das Programmsystem metigo 2D.
Als Referenzdaten für die projektive Entzerrung benötigt man am Objekt gemessene Passpunkte. Dazu werden mindestens vier bis acht Passpunkte beispielsweise an der Gebäudefassade angebracht. Hierbei ist es wichtig, dass diese Punkte den zu entzerrenden Bereich umschließen und vertikal in einer Ebene liegen. Vorspringende Bauteile wie Gesimse und Erker oder vorkragende Stockwerke sollten extra aufgenommen werden. Das Objekt wird nun mit den Passpunkten fotografiert und die Passpunkte anschließend vermessen. Dabei werden vertikale, horizontale und diagonale Abstände mit dem Bandmaß gemessen. Das Foto mit den Passpunkten und die Streckenmaße bilden die Grundlage für die Entzerrung am PC. Um jedoch den Bezug zu einem bereits definierten dreidimensionalen Koordinatensystem des Objektes zu erhalten, sollten nach einer Standortdefinition 9die Passpunkte tachymetrisch eingemessen werden. Im Rahmen eines Seminars konnten mit Studenten die Fassaden des Gebäudekomplexes Schlossberg 11 in Quedlinburg fotogrammetrisch erfasst und später in AutoCAD maßstäblich umzeichnet werden (Abb. 15). Mit Hilfe der Aufmaßsoftware TachyCAD können diese Messdaten in das Programm metigo 2D exportiert werden.
Dies hat folgende Vorteile: bei einer maßstabsgerechten Fotoentzerrung ist eine höhere Genauigkeit zu erwarten und bei der Aufnahme mehrerer Bildabschnitte ist in der Weiterführung eine digitale Bildmontage auf der Grundlage eines einheitlichen Koordinatensystems mit der Programmapplikation metigo MON möglich.
Das Ergebnis der Entzerrung mit metigo 2D ist ein maßstäblicher Bildplan, welcher die Zustandsdokumentation mit der geometrisch genauen Objektinformation verbindet. Eine steingerechte Kartierung an Massivbauten sowohl im Innenals auch im Außenbereich, eine maßstäbliche verformungsgerechte Aufnahme einer Fachwerkfassade aber auch die maßstabsgetreue detailreiche Darstellung von Wand- Fußboden- oder Deckenabschnitten können so gewährleistet werden. Daher findet die digitale Bildentzerrung besonders in der Bauforschung, Denkmalpflege und Restaurierung ihre Anwendung. Auch für die Bauplanung bilden diese Unterlagen eine wichtige Grundlage. Am Ende dient nicht nur das entzerrte Foto als Informationsträger. Es wird auch maßstäblich in ein Auto- CAD-Zeichenprogramm importiert und umzeichnet bzw. die vorhandene Zeichnung in ihren Details vervollständigt. In der Ansicht sichtbare Fugenverläufe von Baufugen verschiedener Bauphasen und zugesetzter Öffnungen werden in die Grundrisspläne übertragen. Dabei ist das zu Beginn der Bestandsaufnahme eingerichtete Koordinatennetz hilfreich. Mit Hilfe der digitalen Fotoentzerrung wurde am Schlossberg 11 eine komplette Fassadenabwicklung erstellt. Die Fotos wurden anschließend maßstabsgetreu umzeichnet und fanden in den folgenden Bearbeitungsgebieten ihre Anwendung: In der Bauforschung wurde das Baualter der Außenkubatur des Gebäudes bestimmt und in den Ansichten kartiert. Im weiteren Planverlauf erfolgte eine Schadenskartierung der Gefache, welche ebenfalls gleich vor Ort in die Zeichnungen eingetragen wurde 10. Anhand dieser Kartierung konnte ermittelt werden, welche Holzbauteile bzw. Ausfachungen vollständig zu erneuern oder nur teilweise auszutauschen sind.
Im Sinne des Bauherrn kann somit eine Kostenoptimierung erzielt werden. Die Sanierungsplanung profitiert ebenfalls von den auf der Grundlage der vorgenannten Aufmaßmethoden erstellten Zeichnungen, da sie die Basis für die Neugestaltung der Fassade bildet.

 1 Knopp, G., Nussbaum, N., Jacobs, U.: „Bauforschung – Dokumentation und Auswertung“, Rheinland-Verlag, Köln 19924
2 Naumann, D, DFWZ QLB: Bauhistorische Untersuchung Schlossberg 11, Quedlinburg 2007/2008, Bauforschungsbericht, S.3
3 Der Name leitet sich vom Rauch der offenen Feuerstelle ab, welcher das Mauerwerk und das Gewölbe über der Kochstelle und der darüber befindlichen Lehmglocke (Rauchabzug) schwärzte. (http://www.dorfkate-falkenberg-berlin.de/dorfkate/kueche.html)
4 CAD „Computer Aided Design“ = computergestütztes Zeichnen bzw. Konstruieren
5 Eckstein, G.: „Empfehlungen für Baudokumentationen“, Arbeitsheft 7, Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag Stuttgart 1999, 2. überarb. Fassung 2003
6 Naumann, D.: Bauhistorische Untersuchung Schlossberg 11, Quedlinburg 2007/2008, Raumbuch Vorderhaus, Dachgeschoss
7 Ingenieurbüro für Baustatik P. Deutschbein, Statik S. 75 ff, 2009
8 Cramer, J.: Bauforschung als Sanierungsvorbereitung; in: Denkmalpflege in Sachsen-Anhalt 1/1998, Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, 1998
9 Durch das Einmessen vorhandener Passpunkte wird ein räumlicher Bezug hergestellt. (siehe auch Kapitel „Aufmaß mittels elektronischem Tachymeter“)
10 siehe auch Abschnitt Schadenskartierung

Archivuntersuchung 

Bestandteile der bauhistorischen Untersuchungen eines historischen Gebäudes sind die Literaturauswertung, eine Sichtung und Erfassung der Schriftquellen sowie des Bildund Planmaterials.
Eine Akteneinsicht parallel zur Befunderhebung vor Ort und noch vor Beginn der Sanierungsmaßnahme zur Klärung der geschichtlichen und baulichen Zusammenhänge kann mehrere Vorteile erbringen. Die Auswertung der Archivalien ermöglicht eine erste Bewertung der vorhandenen Bausubstanz. Die Kenntnis der historischen Bausubstanz wiederum besitzt nicht nur eine kulturhistorisch bedeutsame Relevanz, sondern bestimmt den Umgang mit dem gesamten Gebäude im Laufe der Sanierungsarbeiten. Geplante Gebäudeerschließungen müssen dann verändert werden, wenn unvorhergesehene Befunde im Wand-, Decken- und Fußbodenbereich freigelegt werden, welche auf älteren Fotografien und Plänen durchaus noch sichtbar waren. Die Kenntnis der Substanz verhindert ein Umplanen im Sanierungsprozess.

Wo finde ich was 

Die Archivalien sind meist auf verschiedene Archive verteilt.
Unterlagen zu einem privaten historischen Fachwerkbau können sich im Stadtarchiv oder auch Kreisarchiv der Gemeinde sowie dem Landesdenkmalamt befinden. In einigen Städten gibt es auch ein Bauarchiv, unmittelbar dem Planungsamt des Ortes oder der Stadtverwaltung zugeordnet. Für Bauten der öffentlichen Hand oder auch Schlossbauten befinden sich die Bestände weiterhin in Landeshauptarchiven oder auch in Privatarchiven. Zu beachten ist die unterschiedliche historische Gebietszugehörigkeit eines Gebäudes sowie der Wechsel der Eigentumsverhältnisse. Beide Kriterien entscheiden über die Zuordnung und Ablage der Aktenbestände.
So konnten z.B. Bauakten, historische Pläne und Fotografien für das Schloss Stolberg, im ehemaligen Besitz der Fürsten Stolberg-Stolberg, in verschiedenen Archiven aufgefunden werden. Schlossinventare, Rentalrechnungen, Bauakten, Baurechnungen, Inventare nach Besitzerwechsel und historische Bestandspläne befanden sich für die Zeit des 15. bis 18. Jahrhunderts im Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Abteilung Magdeburg, Standort Wernigerode. Bauakten und historische Fotografien für die Zeit nach 1945 konnten im Kreisarchiv Sangerhausen sowie ein umfangreicher Bildund Postkartenbestand im Museum der Stadt Stolberg eingesehen werden. Weitere Bildbestände besaß das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Halle.

Bei Privatbauten ist die Suche nach historischen Plänen und Fotografien meist auf wenige Archive beschränkt, dennoch teilweise sehr zeitintensiv, da viele historische Quellen sich bei ehemaligen und heutigen Eigentümern befinden. Bei einem Fachwerkbau in Osterwieck konnten Bauanzeigen über Bauveränderungen im 19. Jahrhundert in den Akten der Baupolizei im Stadtarchiv Osterwieck und im Kreisarchiv Halberstadt gesichtet werden. Der ältere Aktenbestand aus dem 18. Jahrhundert befand sich mit Inventaren und Kaufverträgen im Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt in Wernigerode. Das Privatarchiv der Familie, bis zum 18. Jahrhundert gehörte der Bau einer Adelsfamilie, war nicht überliefert.

Was steht wofür 

Historische Bestandspläne eines Gebäudes liefern Aussagen über ältere Raumstrukturen sowie deren historische Nutzung, die im Bestand durch nachträgliche Verkleidungen der Oberfläche so nicht mehr ablesbar sind. Diese Hinweise bilden eine erste Grundlage für weitere notwendige Untersuchungsschritte vor Ort, z.B. der Befunduntersuchung mittels Stratigraphie eines Raumes. Des Weiteren können historische Pläne Aussagen liefern über den ursprünglich geplanten, letztendlich nicht ausgeführten Bauzustand.

Historische Fotografien und Gemälde können hingegen einen älteren, heute stark veränderten Bauzustand wiedergeben, der Anhaltspunkte für die Wiederherstellung im Rahmen der Sanierung liefert. So schaffen historische Gemälde und Fotografien einen Einblick in das ursprüngliche Aussehen der Gebäude. Unter Bewahrung der historisch gewachsenen Substanz kann in Einzelbereichen dieses Erscheinungsbild als Grundlage für die Restaurierung dienen.
Handschriftliche Quellen wie Baukontrakte, Rechnungen, Inventare geben einen Einblick in den Entstehungsprozess eines Gebäudes und dessen Nutzungsgeschichte. Somit ermöglichen handschriftliche Quellen die Datierung einzelner Bauabschnitte, liefern Aussagen über die Nutzung eines Raumes sowie die durch Nutzungswechsel bedingten baulichen Änderungen und benennen Künstler, Baumeister und Handwerker, die in dem Gebäude tätig waren.

So stand die Veränderung der äußeren Gestalt des Schlosses in Stolberg im Laufe der Sanierung 2003 zur Diskussion. Das Eingangstor des Schlosses präsentiert sich heute in der Gestalt von 1953 - nach dem Umbau zum Lehrergewerkschaftsheim. Die Inschrift „Lehrergewerkschaftsheim Commenius“ ist am Portal noch erkennbar. Entwurfszeichnungen von 1946 und Fotografien von 1917 zeigen jedoch, dass 1953 lediglich die Skulpturen des Tores – zwei Hirsche flankieren den Fürstenhut – entfernt wurden, die architektonische Gestalt aber dem Aufbau des 19. Jahrhunderts noch weitestgehend entspricht. Das Tor verbleibt nun in der geschichtlich überlieferten Gestalt (Abb. 1).

Quellen 

Ein weiteres wichtiges Zeugnis aus der Umbauphase des 18. Jahrhunderts ist unter anderem die Treppe im Fürstenflügel des Schlosses. Durch die zentrale Lage im Schloss dient sie der Haupterschließung des Obergeschosses und der repräsentativen Räume wie z. B. dem Empfangssaal und dem Großen Tafelsaal. Die Datierung und Einordnung der historischen Substanz der Treppe war nicht geklärt.
Die Umbauplanung zum Hotel aus dem Jahre 1994 sah den Abriss wesentlicher Teile dieses sehr gut erhaltenen, denkmalpflegerisch und bauhistorisch wertvollen Bauteils vor. Nach dem Besitzerwechsel 2002 übernahm die Deutsche Stiftung Denkmalschutz das Schloss. Zu diesem Zeitpunkt lagerten bereits Fragmente des unteren Laufes der Treppenanlage in einem der Räume.
Die seit 2002 durchgeführte Bauforschung am Schloss begann mit der Sichtung der Aktenbestände. Dies ergab, dass die Haupttreppe vornehmlich in den Jahren 1708/09 erbaut wurde. Ein nahezu wörtlich umgesetzter, in 12 Punkten gegliederter Kontrakt zwischen dem regierenden Grafen Christoph Friedrich und dem Baumeister legte die Ausführung der Treppe, die Ausstattung mit Skulpturen sowie die Gesteinsauswahl genau fest. 1Selbst die Steigung und das Schrittmaß der Treppe wurden im Kontrakt mit 13 Stufen zu den beiden Podesten festgelegt und so auch ausgeführt. Historische Aufnahmen von 1917 aus Messbildarchiven und Privatalben der Fürstenfamilie zeigen das in dem Baukontrakt festgelegte Skulpturenprogramm. Die Schutzgöttin Athene stand auf dem untersten Podest. Herkules mit Löwenfell auf dem oberen Podest war von zwei an den Treppenhauswänden stehenden kindlichen Skulpturen umgeben. Auf der Fensterseite standen überlebensgroß Juno und Jupiter. Die Skulpturen wurden 1950 zerstört. Nur noch Reste der Skulpturen, wie der Torso von Pallas Athene konnten bei Aufräumarbeiten geborgen werden.
Bezeugt und datiert der Kontrakt von 1708 die bauliche Ausführung des Treppenhauses, die historischen Aufnahmen die künstlerische Umsetzung der Skulpturen, so verweist ein weiterer Kontrakt auf den Künstler, der das gesamte Schloss ausmalte. Die Freilegungsarbeiten der Restauratoren bestätigten die archivarischen Kontrakte.

[…] auf Befehl des hochgeborenen Graffen und Herren, Herr Christoph Friedrichen Graffen zu Stolberg und […] mit dem Mahler Francisco Aprill dergestalt gehandelt worden, da er auf hießiges Schloß … an [Gemälden] 70 stücken al fresco machen […]. Beliebet, ist dieser Kontrakt […] vor uns unterschrieben worden, Stolberg den 23 July 1710 Francisco Aprill 2

So zeigte sich nach Freilegung der Wandflächen durch die Restauratoren, dass die Skulpturen nicht in einem aus Stein gemauerten Treppenhaus, sondern in Einheit mit der Ausmalung inmitten eines Pavillons stehen. An den Pilastern selber lehnten die kindlichen Skulpturen des Baumeisters Buchau. Anhand der Abbruchstellen an den Seitenwänden ist der ehemalige Standort noch deutlich wahrnehmbar. Auf der rechten Seite wurde das kommende Leben mit einer schlafenden schwangeren Frau mit einem sie segnenden Putto dargestellt. Auf der gegenüberliegenden Seite sind eine Palme, eine Zeder, drei Zypressen und ein Lorbeerbaum, als Zeichen der Trauer oder auch Sinnbild des ewigen Lebens zu sehen. Nach erfolgreicher Sanierung von Seiten der Deutschen Stiftung Denkmalschutz ist das Treppenhaus wieder hergestellt.

Fotografien 

Ein weiterer in der Bauforschung untersuchter Bau ist der Fachwerkbau Breite Str. 51/52 in Quedlinburg. Das in städtebaulich markanter Lage stehende, große Fachwerkhaus diente gleichzeitig als Durchgangsbereich zu den angrenzenden Grundstücksflächen und war das Gildehaus der Schuhmacher und Gerber. Seine ehemalige Bedeutung und damit verbunden das prachtvolle Aussehen des Gebäudes erschließt sich einem heute nicht mehr auf den ersten Blick. Allerdings zeigen dies noch historische Postkarten und Gemälde des Gebäudes.

Das dreistöckige, auskragende Fachwerkhaus wurde 1553 erbaut. 3 Die wenigen heute noch erhaltenen Fußwinkelhölzer seitlich der Ständer mit Fächerrosetten, fehlende Schiffskehlen in den Schwellund Füllhölzern und abgeschnittene, ursprünglich mit Walzenprofilen geschmückte Deckenbalken verweisen auf die Bauzeit der Renaissance und die in den nachfolgenden Jahrhunderten erfolgten umfangreichen Umbaumaßnahmen. Dazu gehören auch die zahlreichen Veränderungen des Parterres mit den großen Schaufensteranlagen, getrennt für zwei Geschäftsinhaber.  4

Ein historisches Gemälde des Zeichenlehrers und Malers Spitzmann 5 Anfang des 20. Jahrhunderts gemalt, zeigt den bauzeitlichen Zustand, der sich mit den noch vorhandenen Baubefunden überdeckt. Die Genauigkeit des Aquarells lässt sich im Vergleich mit dem heutigen Bau an vielen Punkten bestätigen. Die im Aquarell dargestellte Ladeluke ist auf der Innenseite des Dachwerkes noch erhalten. Die Lage des in der historischen Abbildung dargestellten Erkers ist identisch mit den Befunden am heutigen Bau mit den in diesem Bereich zurück geschnittenen Deckenbalken und die hier fehlenden Schiffskehlen und Füllhölzer. Das Fachwerkhaus besaß demnach in der nördlichen Achse einen zwei Gefache breiten Erker. Der Erker ruhte sowohl auf den Deckenbalken als auch auf einem großen Stelzfuß mit Kopfstreben. Dieses städtebaulich markante Architekturdetail wurde nicht nur allein auf zwei uns heute bekannten Gemälden des 19. Jahrhunderts dargestellt, sondern gab dem Ort auch den Namen „horn“, das übersetzt „an der Ecke“ bedeutet. 6

Pläne 

Bei einem weiteren 1697 errichteten Fachwerkgebäude, der ehemaligen Johannesschule 7im Besitz der Stadt Halberstadt, ermöglichte der Grundrissplan aus dem Jahre 1862 die Kartierung der bauzeitlichen Wände vor Ort und benannte die Nutzung der einzelnen Räume. So konnte der bauzeitliche Grundriss im Erd- und Obergeschoss unter Einbeziehung der baulichen Befunde vor Ort anhand der bauzeitlichen Mittellängswand und der mittig im 6. Gebinde von Ost nach West spannenden Querwand, in zwei große Raumeinheiten zum Innenhof und zwei kleineren Raumeinheiten zur Straßenfassade mit davor liegendem Treppenhaus rekonstruiert werden. Zudem bezeichnet der historische Plan einen im nördlichen Bereich des Erdgeschosses gelegenen, annähernd quadratischen, großen Raum – noch als Klassenraum. Alle nachträglichen Wandeinbauten in diesem Raum erfolgten im Rahmen der Umnutzung zu Wohnzwecken. Die archivarischen Quellen, wie z. B. die historischen Pläne bezeugen hiermit die Nutzung des Fachwerkbaus als Schule und ordnen das Gebäude in seinem baugeschichtlichen Wert neu ein. Es ist der älteste erhaltene Schulbau Halberstadts.

  1 RepHSt-StBOrtsch.SchloßStolberg Nr.1I, fol. 117
2 LHASA, MD, Rep. H. Stolberg-Stolberg B, Schloß Stolberg Nr. 3, Bl. 1r-2r
3 Kleemann, Selmar, Kulturgeschichtliche Bilder aus Quedlinburgs Vergangenheit, Bd. 2, Quedlinburg, 1922, S. 142
4 Bauarchiv Stadt Qlb., A. M. Qlb., Bd. I, 1892, Breite Straße 51, fol. 1 + fol. 404
5 Spitzmann, Johannes (Dr.), geboren 1884 gest. 1861, Zeichenlehrer, Maler und Restaurator, ab 1920 in Quedlinburg lebend, im Alter von 50 Jahren zum Dr. phil. promoviert. In Literaria Nr. 39/Juni 1939. Mit freundlicher Unterstützung von Frau Reizammer, Städtische Museen Qlb
6 Kleemann, Selmar, Kulturgeschichtliche Bilder aus Quedlinburgs Vergangenheit, Bd. 2, Quedlinburg, 1922, S. 142
7 Eggeling Fritz: Die Halberstädter Schulen- Früher und Heute, Ein Beitrag zur Geschichte des Schulwesens der Stadt Halberstadt, Halberstadt 1962, S. 10

Ein historisch wertvolles Gebäude wird auf Veranlassung des Bauherrn, bzw. des Eigentümers oder den Denkmalschutzbehörden in Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt baugeschichtlich untersucht. Die Analyse der vorhandenen Bausubstanz unter Heranziehung und Auswertung aller verfügbaren Quellen und die Dokumentation vor Ort sollen Erkenntnisse über Art und Umfang der älteren meist durch jüngere Einbauten verborgene baulichen Reste sowie Aufschlüsse über die noch nicht erforschten Bereiche erbringen. 1 Die Ergebnisse der Untersuchungen dienen der Erhaltung des historischen Gebäudes, insbesondere seiner historischen Teile und sind Bestandteil der Sanierungsplanung. Die so genannte Bauforschung sollte im weiteren Verlauf als Grundlage für eine Substanz schonende, denkmalgerechte Sanierung dienen.

Befunderhebung vor Ort – Beobachtende Gefügeuntersuchung 

Die Befunderhebung am historischen Bestand erfolgt zunächst durch genaue Beobachtung und Erfassung der sichtbaren baulichen Struktur. Stilistische und konstruktive Merkmale der Bauteile, mit Steinmetz- und Abbundzeichen, Material, Steinformate, Ausbildung der Baufugen geben einen wichtigen Aufschluss über die Einordnung eines Gebäudes in Bauphasen.
So befanden sich in der Kapelle im Schloss Stolberg Steinmetzzeichen an den Schlusssteinen des Netzrippen- und Sternrippengewölbes, die sich an den Sandsteingewänden der Türöffnungen sowie den Fenstergewänden im Turmbereich wiederholten. Die Steinmetzzeichen (Zeichen des Steinmetzes, der den Stein anfertigte) kennzeichnen die Bauteile der Umbauphase um 1550, und dienten im Mittelalter und der Renaissance der Organisation einer Baustelle.

Weiterhin ermöglichen stilistische Merkmale, Bauteile in Bauphasen/ Bauzeiten einzuordnen. So konnte der Stuck im Treppenhaus im Schloss Stolberg analog der Errichtung der Treppenanlage, der Zeit des barocken Umbaus zugeordnet werden. Der Deckenaufbau – Bohlen mit gebündeltem Stroh und Lehm als Putzträger sowie den mit schmiedeeisernen Nägeln befestigten Stuck – die Form - symmetrische Aufteilung der Fläche, halbrunde Stuckprofile – die Schmuckformen – Akanthusblätter von Voluten gerahmt sowie Blattranken mit Eichenlaub und Eicheln sowie die Ausmalung – ein Freskogemälde – datierten die Stuckplafonds in den Anfang des 18. Jahrhunderts. Eine Rechnung belegte zudem die Ausmalung, 1710 sollte Francisco April zwei Plafonds im Treppenhaus ausmalen. 2

Stratigrafische Gefügeuntersuchungen 

Die Stratigraphie, das schichtenweise Anlegen von Suchfenstern, sind für die Untersuchung verputzter oder verkleideter Bauteile ein hilfreiches Arbeitsmittel, konstruktive und wichtige bauliche Befunde zu kennzeichnen. Durch gezielt angelegte Suchfenster mit dem Skalpell in den einzelnen Bauteilen werden Kenntnisse erlangt, die vom freigelegten Befund auf die Struktur des baulichen Gefüges, z.B. einer Wand, schließen lassen. 3

Die Grundrissstruktur der Barockzeit der Hühnerbrücke  4, dem ältesten erhaltenen Schulgebäude Halberstadts, konnte in ihrem bauzeitlichen Gefüge kartiert werden. So zeigten die Räume im Obergeschoss nach Freilegung jüngerer Putzschichten Fachwerkwände mit 20-23 cm breiten Ständern in Schwell und Rähm gezapft. Die in die Ständer einzapfenden Riegel wurden von Streben überblattet. Freigelegte Abbundzeichen in der Form römischer Nummern bestätigen den einheitlichen Abbund. Die Gefache füllen Stakenhölzer mit Strohlehmputz mit einem dünnen Kalkputz mit Fassungsresten. Die bauzeitliche Fassung, dunkel gefasste Hölzer und Begleiter in 2–3 cm Stärke, waren bei einigen Gefachen noch sichtbar.

Große Freilegungen erfolgen meist ganz ohne zutun der Bauforscher im Rahmen der Sanierungsarbeiten. In dem aus dem 16. Jahrhundert stammenden Fachwerkhaus Pölle 48 in Quedlinburg wurde im Rahmen der Sanierungsarbeiten von den begleitenden Restauratoren eine bauzeitliche Planzeichnung freigelegt. Es stellt eine schematische Konstruktionszeichnung eines Fachwerkgefüges, offensichtlich von einem Zimmermann gezeichnet, dar. Bereits seit dem Mittelalter sind so genannte Werkrisse auf der Baustelle bekannt, die jedoch nur noch selten überliefert sind. Somit zählt die schematische Konstruktionszeichnung der Pölle 48 zu den Raritäten der noch vorhandenen Werkrisse vergangener Jahrhunderte.  4 Die Gefachmalerei auf Lehmflechtwerk und einer dünnen Lehmputzschicht wurde mit einer roten Farbfassung gemalt. Sie zeigt drei nicht maßstäbliche Giebelansichten offensichtlich des gerade zu bauenden Gebäudes. Die einzelnen Geschosse weisen eine Ständer- Riegelkonstruktion mit überblattenden und einzapfenden Streben, teilweise zwei Geschosse überspannend, auf. Das Giebeldreieck schließt mit sich kreuzenden Streben. Lediglich die Eingangssituation ist nicht der gebauten Situation entsprechend. Das Gefach wurde auf Wunsch der Bauherren ausgebaut und der Ausstellung des Fachwerkzentrums zur Verfügung gestellt. Auch im Fürstenflügel des Stolberger Schlosses wurden beim Einbau eines Fahrstuhlschachtes Raumstrukturen aus dem Mittelalter freigelegt, die seit der Barockzeit zwischen der Decke des Erdgeschosses und dem Fußboden des 1. Obergeschosses verborgen waren. So befanden sich unter dem Fußboden des Fürstlichen Schlafzimmers zwei langrechteckige, schmale mit einer massiven Wand unterteilte Räume. Den Deckenabschluss bildeten steil verlaufende Kreuzgratgewölbe, deren Gewölbezwickel noch erhalten sind.
Der östliche der beiden Räume wurde im Mittelalter von einer großen Fensteröffnung in der südlichen Außenwand belichtet. Im Norden schloss der Raum mit einer Trennwand und einer Tür die zu den angrenzenden Räumen führte. An dem Türgewände waren der Türkloben und ein Schließhaken noch vorhanden. Der Bodenbelag des Raumes bestand aus einem Gipsestrich mit Ziegelsteinen und Schieferplatten. Das darunter liegende Tonnengewölbe wurde nachträglich im 16. Jahrhundert eingezogen. Lediglich einige Schiefer- und Bruchsteine des Gewölbes zahnen in die Wand ein. Im oberen Bereich hingegen wurde die Gewölbekappe gegen die vorhandenen Putz- und Fassungsschichten gesetzt. Ursprünglich besaß der Raum eine Balkendecke. Ein Konsolstein der Balkendecke war in dem in der Barockzeit ausgeführten Kaminschacht erhalten geblieben. Die stratigrafische Untersuchung ergab – im Mittelalter besaßen die Räume eine Balkendecke, im 16. Jahrhundert erfolgte der Einbau einer Tonne, im 18. Jahrhundert wurde der Raum aufgegeben. Der Raum diente in der Renaissance als Laboratorium. 5
Die Befunderhebung diente der Dokumentation und floss in die Sanierungskonzeption ein. Der Einbau des Fahrstuhls führte zur Wegnahme eines Teils des Gewölbes im Durchfahrtsbereich, die Umfassungswände blieben erhalten.
Im Laufe der Bauforschungsarbeiten konnten in den St. Jakobihäusern 1-2 in Lübeck wertvolle Wandeinbauten und Malereien aus verschiedenen Jahrhunderten freigelegt werden. Wichtige Bestandteile der Untersuchung waren die Brandwände der Gebäude, um im Falle neu zu planender Erschließungen nicht die Zerstörung wertvoller Befunde zu riskieren und um alte Erschließungswege wieder freizulegen - ein Planen im Bestand.
Im Haus Jakobikirchhof 2, welches bis zum 19. Jahrhundert als Schulbau genutzt wurde, konnte durch gezielt angelegte Suchschnitte an der Brandwand zwischen Haus 1 und 2, der alte Westgiebel aus dem 13. Jahrhundert mit vier gotischen Fensteröffnungen der mittelalterlichen Lateinschule freigelegt werden. Der Giebel besaß im Obergeschoss drei in gleichmäßigen Abständen zueinander angeordnete spitzbogige Fenster mit Putzfassungen und im Erdgeschoss eine schmale Türöffnung. Eine nachträglich, vermutlich im 16. Jahrhundert eingebrochene und wieder verschlossene bogenförmige Öffnung bietet nun die Option beide Bauten miteinander zu verbinden ohne den mittelalterlichen Giebel zu beschädigen.
Ebenso besaß eine freigelegte barocke Fachwerkwand im Obergeschoss zu Jakobikirchhof Nr. 3 eine Anfang des 20. Jahrhunderts verschlossene Türöffnung, die nun mit der Nutzung der Bauten als Gemeinderäume wieder geöffnet werden kann.
Weitere wertvolle Befunde traten auch in dem angrenzenden Nachbarhaus, der Wohnung des Organisten der St. Jakobigemeinde, zu Tage. Das Dachwerk des Hauses stammt aus dem Jahre 1361(d). 6 Die Nutzung als Ferienwohnung hatte zur Verkleidung der Wandflächen mit Hartfaserplatten geführt. Nach Abnahme dieser während der Bauuntersuchung trat eine bunte Mischung unterschiedlicher Bauzeiten durch die Jahrhunderte mit umfangreichen Fassungsbefunden zutage.
So bestanden im Erdgeschoss von Haus 1 die westlichen, östlichen und südlichen Umfassungswände, erkennbar an Steinformaten und Ausbildung der Mörtelfugen, aus dem Mittelalter. Im nördlichen Bereich zum Kobergplatz wurden umfangreiche Veränderungen in der Barockzeit und dem 19. Jahrhundert vorgenommen. Die mittig in der Diele eingebaute Küche der Ferienwohnung zeigte bei der Untersuchung der Wände ein umlaufendes Wandpaneel des 17. Jahrhunderts. Das Wandpaneel, eine Rahmenfüllungskonstruktion mit profilierten Zierleisten, wurde mittig durch eine doppelreihige Anlage von kleinen Binnenfenstern geöffnet, die ursprünglich mit Stützkloben an den hölzernen Rahmen befestigt waren. Dieses wertvolle Paneel war durch Holzbohlen beidseitig verkleidet und mit einem jungen Kalksandputz verputzt. Die geringe Wandstärke hätte leicht zur Annahme führen können, dass es sich hier um eine junge Wandkonstruktion handelt.
Auch im Obergeschoss schlummerten viele baugeschichtlich interessante Befunde hinter den Hartfaserplatten. Der südwestlich gelegene Raum im Obergeschoss, mit einem trapezartigen Grundriss, entstand unter Einbeziehung der einstigen mittelalterlichen, aus dem 13. Jahrhundert stammenden, Giebelwand. Der Giebel, mit Ziegelsteinen und Fugenritzung in Kalkmörtel wurde nicht im Verband mit der nördlichen Außenwand aufgemauert. Putzfassungen auf dem westlichen Giebel, im Bereich der anstoßenden südlichen um 1360 errichteten Mauer, erlauben eine Datierung vor 1360. Das Mauerwerk des Giebels ist mit einer Steinmalerei mit doppeltem Fugenstrich in zinnoberrot auf weißem Grund überzogen. Im südlichen Bereich der Giebelwand konnte eine segmentbogenförmige Türöffnung freigelegt werden. Diese wurde mit dem Einbau einer kleinen Wandnische bereits im 16. Jahrhundert geschlossen und durch den Einbau eines barocken Türdurchgangs teilweise zerstört. Der barocke Durchgang kann nun der Erschließung von Haus 2 und dem in der Barockzeit erfolgten Anbau dienen.

Raumbuch 

Die bei einem historischen Bau erforderliche, umfangreiche Dokumentation des historischen Gefüges wird neben der zeichnerischen Darstellung und einer begleitenden fotografischen Erfassung schriftlich in einem Raumbuch abgelegt.
Vor der Erstellung des Raumbuches erhalten die einzelnen Räume mit Angabe des Geschosses (-1=KG, 0=EG, 1=1.OG) eine systematisch Numerierung (z. B. 1.5 = Raum 5 im 1. OG). Die Wände pro Raum werden mit den Kleinbuchstaben a–d gekennzeichnet, wobei man mit der Bezeichnung der Wände immer bei der nach Norden gerichteten Wand beginnt und im Uhrzeigersinn fortfährt. Fenster und Türöffnungen können mit einem F und T zusätzlich gekennzeichnet werden. Die Befunde erhalten fortlaufende Nummern, auf die sich die schriftliche, zeichnerische und fotografische Dokumentation bezieht. Ein weiteres Kriterium ist die Untergliederung eines Gebäudes nach Bauteilebenen, im Sinne eines übergeordneten Koordinatensystems.
Eine genaue Wiedergabe des historischen Gefüges umfasst die Konstruktion, die Bestimmung des verwendeten Materials, Steinmetz– und Abbundzeichen, Oberflächenfassungen sowie Schäden der Bausubstanz. Die freigelegten Befunde werden mit Maßstab fotografiert bzw. zeichnerisch mittels Handaufmaß und Tachymeter eingemessen und in die Bestandspläne übertragen. 7 Das Raumbuch liefert somit Auskunft bezüglich der bauzeitlichen Stellung der Wand, dem konstruktiven Aufbau und den Oberflächenbefunden.

Auswertung / Bauphasenkartierung 

Die im Raumbuch beschriebenen Befunde werden im nächsten Arbeitsschritt ausgewertet. Eine Datierung der Bauphasen kann zudem durch die Ergebnisse der Auswertung vorhandener Schrift- und Bildquellen, der historischen Pläne sowie der Dendrochronologie erfolgen. Einen wichtigen Bestandteil bildet natürlich die Stratigraphie. So ergab der Einbau des Gewölbes im Laboratorium des Stolberger Schlosses im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Einbau einer Türöffnung mit Sandsteingewände, eine stilistische Zuordnung in das 16. Jahrhundert. Anhand dieser Informationen wird eine zeitliche Abfolge erstellt, die wiederum Grundlage für die Einordnung der Bauphasen in verschiedene Zeitstufen bildet. Die farbig angelegten unterschiedlichen Bauphasen in den Plänen ermöglichen eine Rekonstruktion der bauzeitlichen Grundrisssituation und kennzeichnen spätere Veränderungen.

Ergebnisbericht 

Abschließend werden die Ergebnisse der Bauuntersuchungen mit den archivalischen Quellen als Beleg in einem Bericht zusammengefasst. Dieser Ergebnisbericht fasst alle Epochen der Bau- und Nutzungsgeschichte eines Gebäudes zusammen. In den weiteren Sanierungsschritten muss dann die Befunderhebung berücksichtigt werden und über den unbedingten oder möglichen Erhalt der Bausubstanz entschieden werden.

 1 Schmitt, R.: Zum Umbau des Schlosses Stolberg / Harz im zweiten Viertel des 16.Jahrhunderts, in: Beiträge zur Renaissance zwischen 1520 – 1570, Reihe: Materialien zur Kunst- und Kulturgeschichte in Nord- und Westdeutschland Bd. 2, Marburg, 1991
 2 LHASA, MD, Rep. H. Stolberg-Stolberg B, Schloß Stolberg Nr. 3, Bl. 1r-2r
 3 Eckstein, Günther: Empfehlungen für Baudokumentationen, Stuttgart, Konrad Theiss Verlag GmbH, 1999, S. 48
 4 Müller, W., Grundlagen gotischer Bautechnik, Planzeichnung und Bauwerk, München, 1990, S. 19-20
 5 LHASA, MD, Rep. H Stolberg-Stolberg BI Nr. 72 II, Bl. 18 v.
 6 Die dendrochronologischen Untersuchungen wurden von der Universität Hamburg durchgeführt, Fachbereich für Biologie, Zentrum Holzwirtschaft, Abteilung Holzbiologie, S. Wrobel (Dipl.-Holzwirt)
 7 Siehe Kapitel „Aufmaß mittels elektronischem Tachymeter“ Klein, Ulrich / Gerner, Manfred (Hrsg): Bauaufnahme und Dokumentation, Stuttgart München Deutsche Verlagsanstalt, 2001

 


Abb. 1: Handaufmaß mittels Schnurgerüst in der Goldstraße 25 (DFWZ QLB)


Abb. 2: Erstellen der Bestandspläne am Reißbrett (DFWZ QLB)


Abb. 3: Grundriss und Längsschnitt der Goldstraße 25 in Quedlinburg, halbverformungsgetreu (DFWZ QLB)


Abb. 4: Verformungsgetreue Zeichnung der Hofansicht Schlossberg 11 in Quedlinburg, erkennbar die Verformungen des Schwellholzes über der Tordurchfahrt und zerstörte Gefachfelder (DFWZ QLB)


Abb. 5: Verformungsgetreue Zeichnung der Straßenansicht Schlossberg 11, Qlb. Erkennbar die Versprünge im Mauerwerk und eine teilweise Steinkartierung (rot gekennzeichnet) (DFWZ QLB)


Abb. 6 Raum mit massiven Wänden und Rußschwärzung weist auf eine Nutzung als Schwarze Küche hin (DFWZ QLB)


Abb. 7 Gebäudeaufmaß mittels Tachymeter (DFWZ QLB)


Abb. 8 Skizze zum Grundprinzip des Gebäudeaufmaßes (DFWZ QLB)



Abb. 9–10 Verformungegetreues Gebäudeaufmaß am Bsp. Schlossberg 11 oben: Grundriss EG, unten: Längsschnitt (DFWZ QLB)





Abb. 13 Ausgrabungen im Kellergeschoss, Schlossberg 11 Qlb (DFWZ QLB)


Abb. 14 Querschnitt des Dachstuhls Schlossberg 11, QLB, Kehlbalkendach mit kombiniertem liegenden und nachträglichen stehenden Stuhl (DFWZ QLB)


Abb. 15 Vorher-Nachher-Beispiel der Fotoentzerrung am Haus Schlossberg 11, QLB (DFWZ QLB)



Abb. 1 Historische Toreinfahrt, 19. Jahrhundert (Museum Schloss Stolberg)


Abb. 2 Historische Treppe, 1917 (BLDAM, Bildarchiv, Neg.-.: 25dI7/2341.4)


Abb. 3 Ausgebaute Baluster der barocken Treppenanlage (Foto Preiss)


Abb.4 Barockes Freskogemälde, Das Leben (DFWZ QLB)


Abb. 5 Gemälde von Spitzmann, im Besitz der Familie Beneke


Abb. 6 Hühnerbrücke 4, historischer Plan von 1863 , Bauarchiv Stadt Halberstadt, A3618 und Bauphasenplan (Aufmaß Büro aring)



Abb. 1, 2 Steinmetzzeichen an einem Sandsteingewände der Renaissance, Südfassade Schloss Stolberg (DFWZ QLB)


Abb. 3 Der Stuck im Treppenhaus, Schloss Stolberg, DSD/M.L. Preiss, 2003


Abb. 4 Das Gefüge der barocken Fachwerkwände (DFWZ QLB)


Abb. 5 Bauphasenplan der Hühnerbrücke 4 (DFWZ QLB), Aufmaß Büro aring, Halberstadt



Abb. 7, 8 Schnitt und Grundrissplan (DFWZ QLB)


Abb. 6 Das ausgebaute Gefach mit der Risszeichnung, (DFWZ QLB)


Abb. 9 Das nachträglich eingefügte Gewölbe im Erdgeschoss (DFWZ QLB)


Abb. 10 Fachwerkwand des 18. Jahrhunderts mit freigelegter Türöffnung (DFWZ QLB)


Abb. 11 Schnitt durch Jakobikirchhof 2, blau gekennzeichnet er mittelalterliche Giebel (DFWZ QLB)


Abb. 12 Freigelegtes Wandpaneel aus dem 17. Jahrhundert (DFWZ QLB)


Abb. 13 Freigelegte mittelalterliche Türöffnung (DFWZ QLB)