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  Internationales Kompaktseminar -
Bauforschung an der Klosterkirche Jerichow
   
     
 

Das Seminar

Im Rahmen eines zweiwöchigen Kompaktseminars von Ende Juli bis Anfang August wurden einer Gruppe von Studenten Kenntnisse über Baugeschichte und Baukonstruktion der romanischen Klosterkirche in Jerichow / Sachsen-Anhalt vermittelt. Im Mittelpunkt des Seminars stand der denkmalpflegerische Umgang mit dem ältesten erhaltenen romanischen Backsteinbau im Norden Deutschlands, der Klosterkirche Jerichow aus dem 12. Jahrhundert.

Anlässlich der geplanten Sanierung nahmen 13 Studenten aus sechs Nationen an diesem internationalen Trainingsprogramm teil. Eine Bestandsaufnahme des Dachstuhls aus dem 19. Jahrhundert sowie die Beschreibung und Dokumentation der historischen Dachkonstruktion sollten den inhaltlichen Schwerpunkt des Seminars bilden.

Das Kompaktseminar für Studierende der Architektur und des Masterstudiengangs Weltkulturerbe wurde durchgeführt vom Deutschen Fachwerkzentrum Quedlinburg e.V. unter der Leitung von Frau Claudia Christina Hennrich mit ihren Mitarbeitern Mandy Schmidt und Anja Wibbecke sowie Dr. Ulrich Weferling von der Bauhausuniversität Weimar.
Das Projekt wurde durch die ideelle und materielle Unterstützung des Fördervereins Kloster Jerichow, der Paul Getty Stiftung Los Angeles, der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, des Kultusministeriums Sachsen-Anhalt und der Lotto-Toto GmbH des Landes ermöglicht.

Das Projekt teilte sich in einen theoretischen Part der Vermittlung baugeschichtlicher und konstruktiver Kenntnisse und einem praxisorientierten Teil - ein Aufmaß des Dachstuhls sowie die Dokumentation der Dachkonstruktion.

Theorie

Die geschichtliche Entwicklung des Klosters Jerichow bildete den ersten Teil der theoretischen Ausbildung. Es folgten weitere Vorträge zu Themen der Bauforschung, wie z.B. Untersuchungsmethoden, die stratigraphische Untersuchung von Putz- und Farbfassungen, die Dendrochronologie und Thermolumineszenz sowie die C14-Methode. Am Beispiel des Schlosses Heidelberg wurde über das Thema Denkmalpflege im 19. Jahrhundert diskutiert.

Aufmaßmethoden

Im Bereich des Längsschnittes im Dachgeschoss wurde das verformungsgerechte Handaufmass durchgeführt. Die Aufnahme des Schnittes von der Krypta bis zur Decke sowie der Grundriss des Dachgeschosses erfolgte mit dem Tachymeter.

Auswertung der Untersuchungen

Die Klosterkirche Jerichow trägt seit den durch Ferdinand von Quast durchgeführten Restaurierungsmaßnahmen ein Kehlbalkendach mit doppelt stehendem Stuhl, ausgebildet als Hängewerk. Wie die bauzeitliche romanische Dachkonstruktion ausgesehen hat, ist wohl nicht mehr ganz nachvollziehbar.

Forschungsergebnisse von T. Schöfbeck ergaben, dass es sich bei der bauzeitlichen Dachkonstruktion vermutlich um ein einfaches Kehlbalkendach aus der Zeit um 1187d+/-10 gehandelt haben muss. Als Argument führt er an, dass die jetzigen Kehlbalken (aus Eiche) die ehemaligen Sparren der Dachkonstruktion aus dem 12. Jh. gewesen sein müssen. Einzelne Blattsassen in der Mitte der Kehlbalken sollen Beweis für diese These sein (1).

Im Zuge der Bauaufnahme während des zweiwöchigen Kompaktseminars wurden alle Blattsassen an den Kehlbalken genauestens aufgemessen. Danach wurden die aufgezeichneten Hölzer jeweils auf eine Dachneigung von ca. 46° zu jeder Seite gedreht. Die Richtung der Blattsassen sollten nun Aufschluss darüber geben, ob es sich bei der bauzeitlichen Dachkonstruktion tatsächlich um ein einfaches Kehlbalkendach handelt. Dieser zeichnerische „Test“ bestätigte zum einen die Theorie von T. Schöfbeck des Kehlbalkendachstuhls, zum anderen besteht auch die Möglichkeit, dass die Sparren über Streben unterstützt waren, was aber eine zusätzliche Belastung für die über 8,00 m frei spannenden Deckenbalken gewesen wäre. Die typischen Konstruktionen über Kirchbauten waren zu dieser Zeit die Sparrendächer mit Kehlbalken.

Bei Spannweiten von 6 - 7 m ist eine zusätzliche Unterstützung in der Mitte der Sparren nötig (2). Bei den frühen Dachkonstruktionen des 12. Jh. wurde die Durchbiegung der Sparren durch an die Sparren und Binderbalken (Deckenbalken) geblattete Streben verhindert (3). Waagerechte „Streben“ - Kehlbalken zum Abstützen der Sparren setzten sich Mitte 12. Jh. durch. Vorteil dieser Konstruktion ist, dass die freispannenden Binderbalken nicht zusätzlich belastet werden(4). Das Aussehen der bauzeitlichen Dachkonstruktion muss offen bleiben.

 

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1 U. Frommhagen, K.-U. Heußner, St.-Tilo Schöfbeck, Dendrochronologie und Bauforschung in Nordostdeutschland-Möglichkeiten und Probleme
2 G. Binding, Das Dachtragwerk auf Kirchen im deutschen Sprachraum vom Mittelalter bis zum 18. Jh., S. 16/17
3 Binding, S. 254
4 Binding, S. 31